Tour-Tagebuch
Keine Konkurrenz, kein Futterproblem, keine Feinde.
Geschrieben am 02.11.2007 13:19 für Nürnberg, LöwensaalHeute wird mir aufs Neue klar, dass ich vorsichtig sein sollte mit den Superlativen. Taugten die gestrigen tropischen Verhältnisse in Karlsruhe noch zur Headline, so müssen mir heute die Worte fehlen, denn in punkto Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Sauerstoffarmut erfüllt der Löwensaal jeden Spitzenwert. Ein Symptom für solche Verhältnisse ist es, wenn ich – wie gestern geschehen – bei einem tausendmal gesungenen Lied den Text vergesse (Veitstanz). Die grauen Zellen arbeiten nun einmal nicht so flott, ohne das gute, alte O2. Glücklicher Weise übernahm auch gestern wieder das Publikum den Gesang. Auf Euch ist Verlass! Respekt!
Für Jochen, unseren Sounddesigner, ist der Löwensaal der pure Hass! Durch den kreisförmigen Grundriss geht der Schall irre Wege und ist schwer beherrschbar. Er bekommt das Problem aber in den Griff und das spricht für seine Qualitäten.
Wir waren schon so oft hier, doch habe ich es noch nie geschafft, in den Tierpark zu gehen. Der ist direkt nebenan. Heute mach ich es endlich mal. Hätte ich es lieber nicht getan! Es gibt ja Leute, die argumentieren, dass sich Tiere im Zoo sauwohl fühlen, weil sie keinerlei Stress ausgesetzt sind. Keine Konkurrenz, kein Futterproblem, keine Feinde. Ich halte das für Quatsch! Man muss den armen Viechern nur in die Augen schauen, um vom Gegenteil überzeugt zu sein. Kondore und Riesenseeadler in einfamilienhausgroßen Pagoden, Wölfe, die in der freien Natur hunderte von Kilometern zurücklegen in 500qm Pferchen, Seekühe im Swimmingpool und Gorillas in Glaskästen von Wohnzimmergröße. Ich komme jedenfalls traurig und wütend von diesem Spaziergang zurück.
Da Simon Michael ein paar Kilometer von hier entfernt zu Hause ist, sind heute natürlich jede Menge seiner Bekannten und Verwandten da. Wir anderen kennen sie inzwischen auch alle, denn wir haben ja im SM-Studio (SM: Simon Michael d. R.) einige Vorproduktionsphasen gehabt. Nettes Völkchen diese Franken! Halten mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg! Sind aber konstruktiv.
Äußerst konstruktiv zeigt sich auch das Publikum im ausverkauften Löwensaal. Es reißt mich in einen regelrechten Rausch, in dem ich zuweilen Zeit und Raum (und Text) vergesse. Die erste Reihe ist übrigens komplett weiblich. Auch mal schön!
Jedenfalls: Gut gebrüllt Ihr Franken im Löwensaal!!!
Besonderes Vorkommnis: Bastille (Coppelius) lügt, als er in seiner Ansprache an das Publikum behauptet, Coppelius wären das erste Mal hier. Ich kann schon verstehen, dass gerade er den letztjährigen Auftritt mit dem Mantel des Schweigens bedecken will. Und doch war es ein legendärer Moment, an dem wir ja auch nicht ganz unbeteiligt waren, denn wir hatten Bastille ja abgefüllt. Und das Beste ist: wir haben ein Video davon ...