CHINA Tournee 20. – 31.10.2009

Geschrieben am 10.11.2009 08:28 für Shanghai (CN), Mao Livehouse

Hallo Freunde,

den Versuch zu wagen, unsere Erlebnisse im Fernen Osten komplett
mitzuteilen, hieße, ein Buch anzudenken. Also versuche ich die Dinge im
Zeitraffer und keineswegs detailliert zu betrachten, alles andere würde
Schreiber und Leser wohl überfordern.
Die Reise ließ sich beschwerlich an. Obwohl wir das Equipment mit Cargo
verschifft hatten, und so nicht ganz so viel Stress beim einchecken hatten,
fängt es spätestens in Frankfurt beim Umsteigen auf Air China an zu nerven.
Der Jet ist halbwegs geräumig und da ich die Nacht vorher planmäßig
durchgemacht hatte, gelingt es mir, die meisten der rund zehn Stunden Flug
zu verschlafen. Direkt hinter mir behelfen sich die Crew und Frau Schmitt
anderweitig, indem sie die Biervorräte des Fliegers vernichteten.
Wie erwartet, man hatte sich ja vorher belesen, tauchen wir über Peking in
eine Dunstglocke ein. Wetter oder Smog? Die Frage sollte sich bald
beantworten. Der Flughafen von Peking, zu den Olympischen Spielen erbaut,
ist ein riesiger, futuristischer Komplex, welcher uns gleich beim Eintreffen
einen ersten Eindruck der Gigantomanie gibt, die uns täglich und überall in
diesem Land begegnen sollte.
Jetzt muss ich schon aufpassen, mich nicht in Details zu verlieren, sonst
werde ich nie fertig. Deswegen im Telegrammstil weiter: 4 Gepäckstücke nicht
mitgekommen, werden 12 Stunden später jedoch tatsächlich zum Hotel
geliefert, neugierig beäugte Riesenstadt mit Kaninchenstallartigen Wohnsilos
auf der Fahrt zum Hotel. Offensichtlich wird vor allem in die Höhe gebaut,
um den teuren Baugrund maximal zu nutzen. Ein Freund von Bodenski – in
Peking ansässig – besorgt uns Bus, Führer und die erste Mahlzeit in einem –
ha ha – chinesischen Restaurant. Erster Eindruck: nicht zu vergleichen mit
dem hiesigen (deutschen) „chinesischen“ Essen. Kurzer nächtlicher
Spaziergang in der Hotelumgebung, Staunen ob der Andersartigkeit diese
Landes, unruhiger Jet Lag Schlaf. Nächster Tag noch konzertfrei, deswegen
Sightseeing, Tien an men Platz, Verbotene Stadt, die große, chinesische
Mauer – wahrhaftig beeindruckend und sicher auch ein eher psychologisches
Abschreckungsmittel gegen die Feinde des Reiches der Mitte, denn ein
militärisches Bollwerk – deren höchsten Punkt wir unter Aufbietung aller
Kraftreserven erklimmen. Ich fühle mich an so manchen Dreitausender
erinnert, ähnliche Schmerzen in den Oberschenkeln.
Der nächste Tag steht ganz im Zeichen unseres ersten Konzertes in China. Ein
echt cooler Club, die Anlage bereitet einige recht außerirdische
Schwierigkeiten, doch unsere Crew bekommt alles in den Griff. Eine wirklich
geile chinesische Supportband mit deren italienischen Bandleader ich mich
angeregt unterhalte und mich staunend über das Aufwärmprogramm des Sängers
amüsiere. Er schreit und schluchzt eine halbe Stunde, vom tiefsten bis zu
höchsten Ton. Selbiger wird sukzessive kalligraphisch bemalt von seiner
Freundin und ich bitte sie, auch mich mit chinesischen Schriftzeichen zu
versehen. So entstehen auf meinen Oberarmen die Symbole von „Kraft“ und
„Glück“, die heiteres Raunen Publikum auslösen, das erfreulich zahlreich
versammelt ist (ca. 300 Leute, super! Zumal Arch Enemy in der Nachbarschaft
spielt). Eben dieses Publikum bestaunt und wohlwollend, obwohl unsere
Rhythmik und unsere Kompositionen sicher eine Herausforderung sind. Als
Highlight entpuppen sich meine kleinen chinesischen Ansageneinlagen. Für die
wirklich schwierigen Sachen hole ich mir Peter - Bodenskis vorerwähnter
Freund -auf die Bühne und der fühlt sich augen - und ohrenscheinlich sehr
wohl in seiner Rolle als Vermittler zwischen den Kulturen.
Es bleibt ein tolles Gefühl zurück, ein Gefühl, dass unsere Musik hier
absolut willkommen ist und hier tatsächlich einiges geht! Auf ins Hotel,
denn morgen früh geht’s schon um 6.00 Uhr auf nach Shanghai.

Shanghai ist die rasanteste Metropole Chinas, eine Vorzeigestadt, die zeigen
soll, dass alles geht. Und offensichtlich geht es wirklich. Wir sehen schon
auf der Fahrt vom Flughafen in die Stadt hinter jedem Wolkenkratzer einen
weiteren, noch höheren auftauchen, als Krönung die beiden höchsten
Nutzgebäude der Welt: das Shanghai World Financial Center und den Jin Mao
Tower. Wir wohnen etwas abseits im Hotel Atlantis, nur 57 Stockwerke hoch
aber mit Blick auf das Jang Tse Kiang Delta. Wenn man denn soweit gucken
könnte, der Smog ist hier noch schlimmer als in Peking. Tolles Wohnen in
diesem Hotel. Es hat ein Panoramarestaurant, welches kulinarische Genüsse
bietet und sich einmal in der Stunde um die eigene Achse dreht. Hier
erneuere ich meine Abneigung gegen Austern und Affenhoden, komme jedoch ins
Sinnen beim auch von hier oben sichtbaren Gegensatz zwischen den sich neu
sortierenden Schichten oder auch Klassen im modernen China. In der Tat kann
man vom Hotel in 20 Minuten zum Zentrum laufen und passiert dabei Gegenden,
die nichts mit der Welt der verspiegelten Wolkenkratzerfassaden zu tun
haben. Unglaublich, welche Zustände in den Seitengassen herrschen, aber das
System scheint zu funktionieren. Zwei freie Tage bieten wiederum die
Möglichkeit, Shanghai zu erkunden. Das gefährlichste dabei ist der Verkehr.
Der Fußgänger ist absolut das schwächste Glied in diesem Chaos, welches vor
allem auf der warnenden und abschreckenden Wirkung der Hupe basiert.
Gläserne Aussichtsplattform in 474 m Höhe im WFC Gebäude, das größte
Kaufhaus der Welt, Aquarium und in Spaziergangsentfernung dieser glamourösen
Welt das Gassengewirr des alten Shanghai, gruppiert um Tempel und scheinbar
alte Gebäude. Hier lernt man handeln. Wenn ein Chinese dir etwas für 300
Yuan anbietet (30 €) kannst Du sicher sein, das Teil für 100 zu kriegen.
Lebensmittel wie Wasser, Obst, Alkoholika oder Essen aus der Garküche sind
unglaublich billig. Den zweiten Abend beschließen einige von uns in der
luxuriösen Sky Bar des Jin Mao Towers, wo die Preise für die leckeren Drinks
europäisches Niveau haben.
Nun zum Konzert. Der Club liegt inmitten eines Künstlerviertels und macht
einen ganz normalen Eindruck. Nette, fähige Leute, mit denen man auch
englisch kommunizieren kann, was auf der Strasse bei Händlern oder
Taxifahrern gar nichts bringt. 200 Karten im Vorverkauf geben uns schon mal
ein gutes Gefühl und das trügt uns auch nicht angesichts der rund 400
Besucher die im Laufe des Konzertes immer lockerer werden und die uns
richtig abfeiern. Das war doch schon mal was. Am Rande: Ich hatte ja schon
viele Eisblumen bei eben diesem Lied auf der Bühne, aber nie schaute ich in
solch faszinierte Augen wie in die der kleinen Chinesin, die ich auf die
Bühne gebeten hatte. Shanghai war ein Erfolg – auf nach Wuhan.

Wuhan ist eine Industriemetropole am Oberlauf des Jangtse und hat „nur“ 8,4
Millionen Einwohner. Hier ist der Smog praktisch mit Händen zu greifen. Dazu
kommt eine Luftfeuchtigkeit, welche die 25 Grad unerträglich macht. Ich
überlege ernsthaft, mir eine Atemmaske zuzulegen, tue das dann doch nicht
und habe so, wie jeder andere auch, ständig „die Nase voll“ was auch
erklärt, warum die Chinesen wo sie gehen und stehen, ständig lautstark den
tiefsten Schleim hoch räuspern und selbigen verächtlich auf den Boden
spucken. Ganz schön eklig! Hier in Wuhan gibt es eine fünf Kilometer lange
Uferpromenade, ewig breit und in drei Terrassen angelegt. Auf dieser
Flaniermeile finden deutsch – chinesische Tage der gemeinsamen Entwicklung
statt, mit den Pavillons deutscher Firmen (Siemens, BASF, Daimler, VW etc.),
aber auch mit einer richtig großen Bühne auf einem richtig großen Platz. Auf
dieser spielen zehn Tage lang deutsche Bands, alle eingeladen von einem
rührigen Cheforganisator namens Udo (tausend Dank Udo!) unterstützt vom
Auswärtigen Amt und durchgeführt vom Goethe Institut. Das line up dieser
Tage ist wahrhaftig bunt gemischt. Vom Akkordeonspieler über Klee, eine Big
Band, Clueso, Drone, bis hin zu SUBWAY TO SALLY ist alles dabei, um einen
Querschnitt deutscher Musik zu präsentieren.
Es wird in diesen südlichen Breiten schlagartig gegen 18.00 Uhr dunkel und
plötzlich füllt sich die Promenade mit tausenden, fröhlichen Menschen. Ein
beliebter Volkssport ist das Treiben eines großen Holzkreisels mit einer
Peitsche, wobei die Akteure darum wetteifern, wer den lautesten Knall
erzeugen kann. Zum Glück gibt es anlässlich der deutschen Tage auch einen
Paulaner Bierstand. Das chinesische Bier behagt meinem Gaumen überhaupt
nicht, und so schlage ich mich mit einem frisch gezapften bayrischen in der
Hand durch den 100 m breiten Schilfgürtel zum majestätischen Jangtse. Ein
Ungetüm von einem Fluss! Genau an dieser Stelle durchquerte Mao Tse Dong zu
Propagandazwecken dreimal schwimmend den Jangtse. Zuletzt im hohen Alter von
78 Jahren, sagt die Legende. Jedenfalls strahlt das Gewässer, obschon
unfassbar dreckig, eine ergreifende Ruhe und Würde aus.
So präpariert stürme ich mit großer Lust auf die Bühne, auf der vor uns eine
chinesische Pogokapelle rockte. (Geile Band, die würde ich gern mal bei uns
als Vorband sehen.) Meinen Kollegen geht es genauso, stehen doch tatsächlich
etwa 10 000 Menschen da, deren vorderste Reihen sogar schon mal was vom
Rock’n Roll gehört haben müssen, denn die feiern schon ganz gehörig mit. Wir
spielen volle Power und so pflanzt sich das fröhliche Feiern bis in die
hinteren Abteilungen fort, sodass Udo im Nachhinein behauptet, solch eine
Stimmung wäre hier noch nie gewesen. Schön!
Wie sich zeigen sollte, konnte dies nur eine Band noch toppen: wir selbst
natürlich! Zunächst haben wir jedoch einen Brückentag an dem wir den
weltberühmten Kranich Tempel und das Provinzmuseums besuchen (welches uns
noch einmal deutlich vor Augen führt, dass hier schon eine Hochkultur
existierte als in Europa noch ums Feuer getanzt wurde). Außerdem
durchstreifen wir das unfassbar riesige Marktgeschehens in Wuhan. Dann
können wir am zweiten Konzerttag an gleicher Stelle die Ergebnisse des
Zusammenspiels einer geilen Band und einer funktionierenden Mund – zu – Mund
Propaganda konstatieren: Wir dürfen einen neuen Besucherrekord erleben,
15.000 Menschen wollen uns heute sehen. Es ist faszinierend zu sehen, was
sich innerhalb dieser zwei Tage getan hat. Plötzlich sind die ersten zwei
Reihen mit kreischenden Groupies besetzt, gibt es einen moschpit, summen
Tausende begeistert „Kleid aus Rosen“, funktioniert ein crowdsurfing von
mir, machen die Polizisten gute Miene. Toll! Ein richtig großes Erlebnis!
Diesmal sind wir auch klüger als beim ersten Mal und verlassen nach dem
letzten Song nicht die Bühne um auf Zugaberufe zu warten. Das tun die
Chinesen nämlich nicht. Geht die Band weg, ist das Konzert vorbei. So ziehen
wir also durch und kriegen die Leute wirklich zur Ekstase! Die Crew opfert
einige SUBWAY Kleidungsstücke, welche ich in die Menge werfe, wo sich ein
Hauen und Stechen um die Shirts abspielt. Noch eine Stunde nach der Show
können wir das Areal nicht verlassen, da hunderte von Fans, den Ausgang
blockieren. Unsere wenigen Autogrammkarten werden zum Teil geviertelt und
wir unterschreiben alles, was sich unterschreiben lässt. Oha! Das war schon
Klasse!
Nach 24stündiger Reise über Peking und Frankfurt, landen wir bei 20 Grad
weniger in Berlin und jeder ist der Meinung, dass uns diese Reise enorm
bereichert hat und dass sie keiner hätte missen wollen. Nia hao!

ERIC FISH